Warum spazierengehen so wichtig ist

Ein Pferd ist doch zum reiten da, oder? Deswegen wird man ja auch immer so schief angesehen, wenn man neben einem solchen Tier her läuft. Manchmal kommen Fragen, wie "Oh, ist dein Pferd krank?" oder ähnliches. Meistens ist es auch so: das Pferd kann nicht geritten werden, weil es irgendetwas hat und nur die Runden am Platz oder in der Halle zu drehen, ist uns dann auch zu langweilig. Deswegen geht es halt dann raus. Doch wann geht man wirklich bewusst mit seinem Pferd spazieren? Nicht, weil zu wenig Zeit ist und das nicht so lange dauert. Auch nicht, weil die Halle oder    

der Platz zu belegt ist und man sonst nichts anderes machen könnte. Und auch nicht, weil man es trainieren muss, dass das Pferd auch alleine raus gehen kann - als Vorbereitung zum Ausreiten... Bewusst gehen tatsächlich eher wenige mit ihren Pferden zu Fuß hinaus - ohne, dass ein bestimmter Grund dahinter steckt. Doch dabei kann man wohl das Meiste über sein Pferd und sich selbst erfahren, zu Fuß im Gelände sind viele Pferde regelrechte Plappermäule! Was ich genau damit meine, erfährst du in den kommenden Zeilen ...


Unser Weg

zum stressfreien Spazierengehen

Néo ist nun bereits knappe sieben Jahre an meiner Seite und das Spazierengehen war bei uns ein sehr schwieriges Thema. Da ich damals sehr im Bereich Horsemanship nach "Cowboy-Art" vertreten war, war das Training auch eher Richtung Druck und Dominanz geprägt.  Wenig Lob, wenig Empathie, wenig Nähe - viel Druck, viel Dominanz, viel Distanz. Und das hat ihn psychisch sehr stark zugesetzt. Er hasste Druck, er mochte es nicht so dominiert zu werden und er war so unsicher... Und dieses Paket im Gelände neben mir! Ich, als eine Person, der er kein bisschen Vertrauen konnte und die weite Welt, die ihm nie wirklich erklärt wurde - ganz auf sich allein gestellt. Er drängelte nach vorn, ich wies ihn mit Seilschütteln an, dass er wieder hinter mich soll. Er wollte wieder nach vorn um wenigstens etwas Nähe, etwas Sicherheit zu bekommen - ich schüttelte, er reagierte nicht, ich drehte mich zu ihm um und schüttelte was das Zeug hielt. Er mit erhobenem Kopf, verständnislosem Blick, 

ließ sich zurückfallen und wurde immer nervöser, ängstlicher, wütender. Bis das Pulverfass explodierte. Entweder er erschrak sich so sehr, dass er auf mich sprang oder das Weite suchte. Oder er buckelte quietschend von mir weg. Jetzt weiß ich natürlich was ich alles falsch gemacht habe, aber damals war ich so ratlos! Ich dachte, dass Horsemanship ja so natürlich ist und jedes Pferd das versteht und sich auch gerne unterordnet, aber warum klappte, egal welche "Version" davon nicht? Nach ein paar Mal Beritt hatte ich auch endlich die Nase voll davon und suchte nach einem stressfreieren und anderen Weg. Es war Chi-Horsing (Sandra König - Saliho School), was mich so dermaßen begeistert hatte, dass ich gleich einen Grundkurs vor Ort und dann noch ein Sechs-Tages-Seminar mitmachte. Auch die Zeit in Ingolstadt hat mir so sehr weiter geholfen wieder Vertrauen zu fassen, in mich und vor allem in mein Pferd, dass wir nun - Endlich! - stressfrei Spazierengehen können!


Träume...

... wurden wahr !!

Ich weiß, das klingt jetzt alles eher weniger spannend - es ist ja auch nur "zu Fuß mit dem Pferd raus gehen". Aber für uns war das eine so harte, lange Zeit, wo uns sowas einfach überhaupt nicht möglich war! Ich träumte davon, einfach nur gelassen - als Team - im Gelände unterwegs zu sein... Die Natur genießen... Sport mit meinem Pferd zusammen zu machen... Neue Gebiete, neue schöne Orte entdecken... Die Zeit in Zweisamkeit, nur die wilde Natur um uns, zu genießen... Und nun war das plötzlich alles möglich! Für uns ging ein absoluter Traum in Erfüllung! Stelll dir vor, du arbeitest seit ewiger Zeit an einer Piaffe, am Steigen, am Hinlegen oder an einer anderen, für dich, wichtigen Sache und plötzlich funktioniert es,

einfach so! Genau so fühlte es sich auch für mich an! Davor hat sich aber auch einiges geändert, wir haben zueinander gefunden, endlich eine Beziehung aufgebaut, in der Partnerschaft im Vordergrund steht. Als er dann in den jetzigen Stall einzog und ich dann das erste Mal dort mit ihm raus ging, kannst du dir sicherlich vorstellen, was für ein überwältigendes Gefühl ich danach hatte! Ich schwebte auf Wolke 352 und konnte nur noch grinsen! Es hat sich ja auch so viel Bestätigt, an was ich nun Glaube und wie ich nun mein Pferd im Gelände "handhabe". Es hat mir einfach zu deutlich gezeigt, dass ich endlich auf den richtigen Weg bin und es endlich vorbei ist, das ewige Gestresse und die unnötige Gewalt...


So tief

geht die Empathie der Pferde

Doch welchen Mehrwert bietet so ein Spaziergang einem eigentlich? Warum ist es nun so wichtig? Um dir eine gute Antwort darauf geben zu können, muss ich noch einmal etwas ausholen... Wir wissen mittlerweile ja schon alle, dass Pferde uns Menschen spiegeln. Das liegt an ihre Spiegelneuronen - Nervenzellen im Gehirn - die wichtig für das Überleben sind. Denn nur so, schaffen sie in völliger Harmonie zu leben, zu fühlen, was der Andere fühlt, ohne groß Töne machen zu müssen. Und wenn geflüchtet werden muss, flüchten sie gemeinsam, ohne ihresgleichen nieder zu trampeln. Deswegen funktioniert auch das Training mit mehreren Pferden, wie es Lorenzo (der fliegende Franzose) macht, oder das Fahren mit einer mehrspännigen Kutsche so gut.

Wenn du also zu deinem Pferd gehst, und es geht dir eigentlich relativ gut, hattest keinen Stress, hast gut geschlafen und sonst passt auch alles, und dennoch läuft es nicht so, wie du es dir vorgestellt hattest. Dann liegt hier der Grund sehr tief in dir selbst verwurzelt. Sonst wird der Stress gespiegelt, oder andere temporäre Empfindungen, doch wenn das alles nicht da ist, wird das Tiefe hervor geholt. Wir denken in dem Moment, mensch, was ist denn jetzt schon wieder mit dem Gaul los! Passt doch alles, warum stellt er sich trotzdem so an?

Sonst wissen wir ja, an was es liegen könnte, weil wir eben auch gerade in dem Moment die Empfindung haben und spüren können, das mit uns ja auch einiges am rotieren ist. Wir fassen uns selbst an die Nase und probieren es halt nächstes Mal wieder. Nun passt aber alles und trotzdem geht alles schief? Und das liegt eben - wie schon vorhin erwähnt - an den tiefer verwurzelten Dingen, die wir schon gar nicht mehr wirklich merken. Das sind Sachen wie, dass wir jeden alles Recht machen 

 

 

wollen, Unsicher sind, alle Emotionen in uns hineinfressen, uns selbst belügen, eine schwere Kindheit hatten und die Folgen immer noch verheerend sind. Diese ganzen Dinge können Pferde erspüren und ziehen sie an die Oberfläche. Wenn du dein Pferd also auf Augenhöhe, neben dir her laufen lässt, kannst du auch gut erkennen, wie es mit dir kommuniziert. Läuft es träge, stoppt des Öfteren, kann es sein, dass du in deinem Leben einen Punkt hast, der einfach nicht voran geht, der dich selbst blockiert. Hat dein Pferd ständig Angst vor irgendetwas, kann es sein, dass du eine Unsicherheit ausstrahlst ohne dessen wirklich bewusst zu sein. Mit der Angst brauche ich gar nicht anfangen, denn das ist wieder das Offensichtliche ;-)

Du wirst also so viel Erfahren, wenn ihr gemeinsam unterwegs seid. Über dich, über dein Handeln und über dein Pferd. Ihr wachst zusammen, ohne dass ihr gezielt daran arbeiten müsst. Wenn du dann auch noch beweist, wie friedvoll und klug du handeln kannst, hast du sowieso schon das Herz deines Pferdes erobert. Denn während des Sparziergangs werden häufiger Fragen aufkommen, die das Pferd dir stellt. Das sind Fragen, wie "darf ich hier grasen?", "Darf ich hier vor dir laufen?" oder "Was machst du, wenn ich dir den Weg abschneide?" (Auf diese Fragen gehe ich in meinem kommenden YouTube Video näher ein).

Der nächste positive Nebeneffekt des Spazierengehens ist natürlich auch die Bewegung, die du damit genauso erhälst. Gemeinsam durch die Wälder und Felder zu streifen, vielleicht auch mal direkt durchs Dickicht, verstärkt nicht nur die Bindung, sondern auch Koordination und Kondition. Dein Pferd hat mal keine Last am Rücken und bekommt durch dich am Boden auch noch zusätzliches (Selbst)vertrauen in neuen Gegebenheiten.


Findet

euren Einklang

Es ist wirklich schwierig zu erklären, was da alles passiert, wenn man bewusst mit seinem Pferd raus geht. Oder bewusst allgemein mit seinem Pferd umgeht. Da spielen so viele kleine und große Dinge eine Rolle, die in einem Blog-Eintrag überhaupt nicht beschrieben werden können. So etwas muss man selbst erfühlen und erleben. Man muss einen Zugang zu sich selbst finden, weit in die Tiefe gehen, bereit sein in die dunkelsten Ecken zu sehen. Bereit sein, auch einmal auf sein Pferd zu hören und diese Baustellen

offen dar zu legen um an ihnen arbeiten  zu können. Befindest du dich in deiner Mitte, kannst du auch helfen dein Pferd in seine Mitte zu bringen. Vorher ist es wohl eher die Aufgabe des Pferdes ;-)

Aber das macht nichts! Deswegen sind wir ja auch so fasziniert von diesen Geschöpfen, weil sie etwas an sich haben, was uns im Leben so viel weiter bringen kann. Wir müssen nur zuhören... Und wann geht es besser, als Seite an Seite, im Gleichschritt in der Natur?


MEIN BLOG IST UMGEZOGEN!

Hier sind nur noch die älteren Einträge vertreten.

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Danke und bis gleich auf meinem neuen Blog!


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Kommentare: 2
  • #1

    Rami (Freitag, 16 Dezember 2016 18:43)

    So schön geschrieben. ;-) Ich kann das so gut nachvollziehen. Wir gehen total gerne mit unseren Pferden spazieren und ich bilde mir ein, dass wir so zur einer soliden Vertrauensbasis beitragen.

  • #2

    Chrissi | Horsensation (Montag, 19 Dezember 2016 13:47)

    Hey Rami ☺
    Das glaube ich dir... Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass man so viel schneller und besser das Vertrauen erhalten kann, als mit irgendwelchen Methoden und/oder Techniken. Ich glaube auch, dass man in der Zeit so viel authentischer ist und mehr im Moment lebt. Sowas kommt allgemein sehr positiv bei den Pferden an ☺